Ich muss an diese Grußkarte denken, die zu meiner Highschoolzeit so angesagt war: Auf der Vorderseite waren zwei gelbe Küken in einer halben Eierschale abgebildet. Darunter stand: Du und ich gegen den Rest der Welt. Und auf der Innenseite: Ich persönlich glaube ja, dass wir Prügel beziehen werden. Als ich jetzt Brooke betrachte, über deren glattes Porzellangesicht das Kerzenlicht tanzt, frage ich mich: Wäre sie damals wohl eins der Mädchen gewesen, denen ich gerne eine solche Karte gegeben hätte? Und hätte sie so eine Karte von mir haben wollen? Wahrscheinlich nicht. Aber das war damals und jetzt ist jetzt.
Vielleicht sind wir beide erst durch das, was wir erlebt haben, zu den Menschen geworden, die wir heute sind. Weder mir noch ihr hätte so etwas passieren sollen, aber so ist es nun mal, und deswegen sitzen wir nun hier und essen und lachen miteinander, während die Leute kommen und gehen. Sie und ich gegen den Rest der Welt. Vielleicht werden wir Prügel beziehen, aber das wäre für uns beide ja nicht das erste Mal. Dieses Wissen hat etwas seltsam Tröstliches, und als ich sie ansehe, spüre ich die nackte Emotion, die – noch undefiniert und im Embryozustand – über mein Gesicht brennt, und ich erkenne das Spiegelbild dieser Emotion im dunklen Doppeluniversum ihrer Augen.
Doug ist 29 Jahre alt, arbeitet als freier Autor für ein Magazin und ist seit zwei Jahren glücklich verheiratet – bis seine Frau Hailey, die elf Jahre älter ist als er, bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kommt. Ihr Tod wirft nicht nur Doug aus der Bahn, sondern auch ihren Sohn aus erster Ehe, Russ (16). Der Junge versucht sich an seinen Stiefvater zu klammern, doch Doug fühlt sich der Verantwortung nicht gewachsen, schiebt Russ zu seinem „biologischen“ Vater und dessen neuer Frau ab und droht im Selbstmitleid zu versinken.
Halt geben Doug nur die enge Bindung zu seiner Schwester Claire und das Schreiben einer Kolumne mit dem Titel Vom richtigen Umgang mit Witwern, die ein großer Erfolg ist. Doug bekommt jede Menge Fanpost, mehrere große Buchverlage reißen sich darum, ihn als Memoir-Autor unter Vertrag zu nehmen. Aber Doug will nicht. Er will nur vergessen … und gleichzeitig auch nicht vergessen. Denn er fürchtet sich davor, dass Hailey ganz aus seinem Leben verschwindet, wenn der Schmerz irgendwann nachlassen sollte.
Obwohl mich alles im Haus an Hailey erinnert, verlasse ich es nur selten. Der Schmerz, den ich dort empfinde, ist meine letzte Verbindung zu ihr.
